Die Rote Flut
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Neumond
Oxidrote Wellenfinger schlingen sich um meine Füße, meinen Knöchel hinauf, fressen sich in meine Hosenbeine, lassen mich wieder frei. Mal um Mal. Die Ebbe zieht mich hinaus auf das Meer, trägt den Sand unter meinen Sohlen fort, ich sinke tiefer und tiefer, bleibe. Ich trotze ihrem Ruf. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich folge.
Ich mag, wie das Wasser meine Haut zum Brennen bringt. Ab und an stehe ich hier und sehe zu, wie die Sonne im roten Wasser versinkt. Stundenlang, bis ich das Brennen nicht mehr aushalte und zurück ans Land flüchte. Obwohl sich meine Haut von den hellen Blasen erholt hat, die sich auf meinem Fuß ausbreiten, sobald das Wasser sie zu lange berührt, sind bereits Narben geblieben. Ich mag die Narben fast noch mehr, als ich das Brennen mag. Sie erinnern mich täglich an meine Schuld.
Vor Jahren noch hat sich die rote Tide nur wie Bänder durch das dunkle Grünblau des Meeres gezogen. Nach und nach hatte sie sich ausgedehnt, die gesamte Küste eingenommen. Das hier ist nicht mehr das Meer, an dem ich aufgewachsen bin. Auf dass ich mit meinem Vater zum Fischen herausfuhr oder mit Cress am Strand nach Muscheln und Steinen suchte.
Heute halte ich es kaum eine Minute aus, bevor es mich zurück zu meinen Schuhen treibt, und ich mich in den Sand setze. Mein Blick fällt auf einen daumengroßen Stein zu meinen Zehen. Die See hat Muster in die glatte Oberfläche graviert, eines der wenigen Wunder, welches in den roten Wogen entsteht. Ich denke an Cress, als ich mit den Fingern über die feinen Vertiefungen streiche. Ich denke an die Zeit, in welcher sie Steine anstatt der Schätze sammelte, welche Aldeburgh uns schenkt. Bevor es ihre Magpies und all die anderen Hungrigen gab, welche die Insel ausnahmen und jene Schätze ans Festland verkauften.
Obwohl ich mir sicher bin, dass ich ihr den Stein nie geben werde, stecke ich ihn in die Hosentasche. Zu Hause habe ich eine ganze Kiste mit Steinen, die sich über die Jahre angesammelt haben. Auf ihr habe ich in geschwungenen Buchstaben Cress' Namen verewigt. Wenn die See mich geholt hat, wird sie diese vielleicht finden.
Ich streife meine Schuhe über, ignoriere den leichten Schmerz, der sich bereits ausbreitet, und mache mich auf, Richtung Hafen, immer an der Grenze zwischen dem Sand, den das Wasser dunkel gefärbt hat, und dem, welcher unangetastet blieb. Ein Fisch wurde an jener Grenze angespült. Der Geruch nach verwestem Fleisch überdeckt den des Salzwassers und des nassen Sandes, der mir so vertraut ist. Der Körper wurde von einer ausgehungerten Möwe bis auf die Gräten zerpickt. Im Inneren schimmert matt ein grün-blauer Edelstein – einer der Schätze der Insel, die man in frisch erblühten Knospen finden kann, die unter der Rinde uralter Bäume versteckt sind – oder in den Eingeweiden einheimischer Tiere. Ich lasse ihn liegen. Es wurde bereits genug von dieser Insel gefordert.
Noch bevor ich den Deich erklimmen kann, welcher das einstige Herz der Stadt säumt, bemerke ich die Schreie. Meine Schritte werden schneller, ich jage eine Düne hinauf, bis ich hinunter ins Hafenbecken blicken kann. Eine halbmondförmige Bucht, mit kleinen, dunklen Steinhäusern, die sich dicht aneinander drängen. Hier und da ragen skelettartige Stege aus dem seichten Wellengang auf, es ist beinahe unheimlich, wie sich ihr lebloses Gerippe im roten Wasser spiegelt.
In einiger Entfernung hat sich eine Menge vor der ehemaligen Werft versammelt und starrt auf einen verrosteten Kutter, der sachte im Wasser hin und her schwankt. Als ich mich nähere und mich an den Schultern der Schaulustigen vorbei nach vorn dränge, bemerke ich, dass bereits Magpies ins Innere geklettert sind, um zu retten, was noch zu retten ist. Einige von ihnen haben eine Kette gebildet, um Frachtkisten auf den Pier zu heben. Einige andere scheinen zu versuchen, den Kutter zu reparieren, obwohl alle hier wissen, dass das vergebens ist. Die Boote werden normalerweise in der Werft an Land gezogen, damit sie nicht zu lange der beißenden See ausgesetzt sind. Aber die Crescent sollte heute zum Festland auslaufen, bis obenhin gepackt mit den Schätzen der Insel, welche gegen Proviant eingetauscht werden sollten. Proviant und Geld, das hier nutzlos geworden ist.
Ich denke oft an die Zeit zurück, als die rote Tide an unserer Küste zu nagen begann und die ersten Robben entstellt an den Strand gespült wurden. An die Schuld, die mir damals schon im Nacken saß. Als sich die Welt von uns abwandte und eine Grenze zog, welche wir nicht überschreiten durften. Einzig die wohlhabendsten Bürger Aldeburghs schienen ihre Wege um diese Grenze herum zu finden. Über die Jahre hinweg verließen sie einer nach dem anderen die Insel und ließen geisterhafte Villen zurück, welche Cress und ihre Magpies schließlich in Beschlag nahmen. Cress selbst hatte eine besondere Genehmigung, Kontakte ans Festland. Aber selbst sie hatte es nicht geschafft, zu erwirken, dass wir es wieder betreten durften. Diese Insel sei vergiftet. Uns würde der Tod an den Fersen hängen. Wir seien verflucht.
Die Crescent ist Cress’ Boot. Es ist eines der letzten, welches der Insel geblieben ist. Unser Kontakt zur Außenwelt.
Panisches Geschrei erschallt aus dem Inneren des Kutters. Kurze Zeit später springen die Magpies an Land, die letzten Frachtkisten werden zurückgelassen, das Werkzeug, die Stahlplatten, mit denen sie das Leck hatten flicken wollen. Das Boot sinkt jetzt, es gibt nichts mehr, was wir machen können. So stehen wir einen Moment in absoluter Stille und sehen zu. Da ist nur der Wind, der sich in unseren Haaren verfängt, die Flagge Aldeburghs, welche wir noch immer stolz gehisst halten, zum Knattern bringt, das ferne Rauschen der Brandung.
Als ich mich umschaue, erblicke ich Cress. Jemand scheint sie gerade erst gerufen zu haben, denn ihr Brustkorb hebt und senkt sich schnell, als sei sie gerannt. Es ist ungewöhnlich, dass ihre Strähnen so unordentlich zu einem Dutt nach oben gebunden, das Hemd und Rock so faltig sind. Sie keinen Mantel trägt. Für einen Moment kann ich in ihr das Mädchen sehen, das sie einst war, welches an einem ähnlichen, stürmischen Tag zum Hafen gelaufen kam. An jenem Tag hat sie auch so aufgelöst ausgesehen. Sie hatte meinen Blick auf die gleiche, panische Weise gesucht, um sich an ihm festzuhalten. Irgendwie hatte sie es gewusst, noch bevor wir es ihr hatten sagen können. Dass mein Vater und ihre Mutter dort draußen verloren gegangen sind. Das war noch lange bevor die See alles zersetzt, was sie berührt.
Aber dann kommt die Wut, welche sich in den letzten Jahren in ihren Knochen eingenistet hat. Sie kriecht ihren Körper hinauf: Erst ballen sich ihre Finger zu Fäusten, dann spannt sie den Kiefer an, ihre Augen verengen sich, wie Risse ziehen sich Fältchen über ihre helle Haut, sie ist jetzt ganz der Wut eigen. Ich versuche, mich an den anderen vorbeizudrängen. Sie wird mir entgleiten, wenn ich nicht schnell genug bin, wie sie es so oft früher getan hat, wenn ich meine Hand nach ihr ausgestreckt habe. Sie war schon immer der Mond, ich der Ozean. Sie bestimmt, wann sie mich zu sich zieht, wann von sich stößt.
Heute wartet sie auf mich, kommt mir so nahe, dass ihre gewisperten Worte niemanden aus mir erreichen können.
„Mitternacht, bei dir.“ Sie lässt einen Zettel in meine Hand gleiten, wirft einen kurzen Blick in die Runde, wie um zu schauen, ob uns jemand beobachtet hat. Dann verschwindet sie aus der Richtung, aus der sie gekommen war, eilt die gewundenen Kopfsteinpflaster-Straßen hinauf, zu ihrer Villa, von der sie einst die ganze Stadt im Blick halten konnte, aber deren gesprungene Scheiben nicht mehr die Welt zeigten, welche sie einst eroberte. Sondern eine Welt, die stirbt.
*
Sichelmond
Mein Leuchtturm steht abseits von allem. So bin ich aufgewachsen, so werde ich alt werden. Es gab eine Zeit dazwischen, in der ich mir mehr von der Welt gewünscht habe. Ich war so hungrig gewesen. So begierig darauf, diesem Leben zu entkommen. Ich folgte nicht den Fußspuren meiner Mutter, welche das Leuchtfeuer hütete und sicherstellte, dass keine Schiffe des Nachts an der Küste Aldeburghs zerschellten. Nicht denen meines Vaters, welcher mit seiner Fähre zwischen Festland und Insel pendelte. Ich folgte den Fußspuren der Neugierde. Der Forschung. Wie Cress war ich immer eine Träumerin gewesen. Nur auf eine andere Art und Weise.
Den Leuchtturm übernahm ich nach dem Tod meiner Mutter. Eine Zeit lang habe ich noch immer die Lampe entzündet, auch wenn da draußen keine Schiffe mehr waren. Vielleicht als Mahnmal eines vergangenen Lebens, vielleicht um den Bewohnern Aldeburghs und mir Normalität vorzutäuschen. Irgendwann gab das Windrad, welches mein Wohnhaus und den Leuchtturm mit Elektrizität versorgte, den Geist auf. Seitdem sind die Nächte dunkel.
Während ich auf Cress warte, die Füße über die Kante der Galerie baumelnd, den Rücken gegen die Wand des Leuchtfeuerhauses gelehnt, fahre ich immer wieder über ihre geschwungene Handschrift, über die Buchstaben, die sie aufs Papier geblutet hat. Es ist Jahre her, dass ich diese geschwungenen Wörter gesehen habe. Meine Fingerspitzen kribbeln beinahe, als würde ich über Meerwasser streichen. Mancher Hunger vergeht nie.
Der blaue Tod bricht über die Welt herein und lässt ihre Worte vor meinen Augen verschwimmen. Ich halte an ihnen fest, bis es zu dunkel wird zum Lesen und ich keine meiner letzten Kerzen verschwenden will, um die Finsternis zu vertreiben.
Ich habe eine Spur.
Cress war schon immer davon überzeugt gewesen, dass diese Insel anders sei. Sie liebte die Sagen, welche über die Lippen meiner Großmutter tanzten, über die Gaben der Inseln, welche an besonders guten Morgen am Strand angespült wurden, oder plötzlich in Wassertrögen glänzten – damals, als sich noch niemand auf die Suche nach ihnen gemacht hatte, als Aberglaube und Ehrfurcht Aldeburgh in Schach hielten. Sie verschlang jegliche Bücher der Stadtbibliothek, welche von der Geschichte Aldeburghs erzählten, und ich verschlang sie mit ihr. Wir waren unersättlich gewesen, hatten Theorien gesponnen, die Insel erkundet, Gerüchten gelauscht.
Vor der roten Flut,
kam der Hunger nach Mehr.
Wenn das Herze ruht,
wiegt der Reichtum schwer.
Der Windroses' Pfad,
durch Wellen und Gischt.
Die richtige Tat,
der Zweifel erlischt.
Insbesondere die Sage des Kompasses, der Windrose, faszinierte sie, hatte sich in ihren Träumen eingenistet. Von der Erfüllung, die er versprach. Dem richtigen Weg. Erlösung. Erfolg. Aber erst als sich das Meer rot färbte, ergab alles erst wirklich einen Sinn. Der Kompass versprach ihr einen Pfad durch die Fluten. Einen Pfad, der zu all dem zurückführte, was sie verloren hat.
Gegen Mitternacht mache ich mich auf zum Strand, den kleinen Pfad am Hang hinab, bis ich im hellen Sand einer Bucht, stehe, welche zu meiner Seite hin von einer Klippe eingenommen wird, und zur anderen zum Hafen führt.
Bei Nacht sieht das Meer beinahe normal aus. Nur wenn der Vollmond so wie heute am Himmel steht, dann hat sein heller Schatten, der auf den sachten Wellen tanzt, einen seichten Rosastich. Cress nähert sich nicht über den Strand, obwohl dies der schnellste Weg gewesen wäre, sondern kommt über die Dünen. Sie hasst die See, seit jenem Tag, an dem sie ihre Mutter geholt hat, und erst recht, seitdem sie ihre Schiffe schluckt und mit ihnen all das, was sie sich hier aufgebaut hat.
Das Mondlicht verfängt sich in ihrem Gesicht, als sie sich mit eiligen Schritten nähert, sickert in ihr helles Haar, als sei es schon vollkommen ergraut, spiegelt sich in den Edelsteinen, die an ihren Ohren baumeln. Ihre Miene zeugt von Entschlossenheit.
„Cress“, beginne ich, doch sie unterbricht mich, noch bevor ich meinen ersten Versuch wagen kann, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
„Ich werde verfolgt.“ Sie senkt nun die Stimme. Ihre Worte werden von der Brandung verschluckt, aber sie wirkt dennoch nervös. Unauffällig folge ich mit meinen Blicken ihren Fußspuren zurück zu der Anhöhe, von der sie gekommen ist, aber da ist nur Dünengras, durch das der Wind leise streicht, vereinzelte Sanddornsträucher, welche keine Früchte mehr tragen.
„Komm.“ Ich nicke Richtung Leuchtturm und wir verschwinden kurze Zeit später in seinem Schatten. Sie presst den Rücken gegen die metallene Innenwand, ich presste mich gegen das Geländer. Wir lauschen, warten, während wir uns im Dunkeln verstecken, die Tür geöffnet, um ihren Verfolger in eine Falle zu locken. Meine Finger wandern in meine Hosentasche, schmiegen sich um den von den Fluten geküssten Stein. Ich muss mich an etwas festhalten, an etwas Anderes denken. Nicht daran, wie klein sich der Raum um uns herum anfühlt, wie ihre Knie die meinen berühren, wie ihr warmer Atem die kühle Nachtluft benetzt.
„Die wissen, dass ich nach dem Kompass suche“, raunt sie.
Das Mondlicht, welches zur geöffneten Tür ins Innere fällt, schimmert kurz in ihren hellen Augen auf, als sie sich etwas zu weit nach vorn beugt, damit ihre Worte mich erreichen können.
Ich strecke kurz die Hand aus, um sie in die Schatten zurückzudrängen und ihr mit einem scharfen Blick erkenntlich zu machen, dass sie still sein sollte.
Die. Es war nie ein Geheimnis, dass außer den Magpies noch andere Gruppierungen die Schätze Aldeburghs plünderten. Aber Cress war schon immer davon überzeugt, dass da jemand war, der in den Schatten agierte.
Dann sind da die Schritte im Gras, kaum hörbar, über das Rauschen des Meeres hinweg. Cress und ich teilen einen kurzen Blick. In dem Moment, in welchem die fremde Gestalt sich ins Innere schleichen will, springt Cress nach vorn. Der Mann stürzt mit einem Aufschrei nach hinten und sie pinnt ihn fest, ein Messer an seine Kehle gedrückt, das ich vorher nicht bemerkt habe.
Ich gleite aus den Schatten, halte mich aber für den Moment zurück.
„Was wollt ihr von mir?“, presst sie hervor. Da ist die Wut wieder. Der Hunger. So vertraut, singt es in mir.
Der Mann spuckt ihr ins Gesicht, windet sich unter ihrem Gewicht und streckt die Hände nach ihr aus. Sie spuckt zurück, drängt das Messer noch etwas näher an seine Kehle, bis es einen roten Streifen hinterlässt, der seinen Hals hinunterrinnt, bis in den Ansatz seines hellen Hemdes. Er stöhnt auf, grinst aber.
„Spiel nicht mit mir. Sonst färbt sich das Meer noch röter heut Nacht.“
Mit der freien Hand schlägt sie ihm ins Gesicht. Jetzt ist wirklich alles rot. Seine Nase, sein Grinsen, Cress’ Faust.
„Reiß ihm das Hemd auf“, fordert sie.
Ich bücke mich in das fahle Gras, schiebe die Tweedjacke des Mannes beiseite, tue mir wie geheißen. Die Knöpfe springen, der Stoff reißt und entblößt einen Kompass, der auf seine Brust tätowiert wurde.
„Dacht ich's mir doch.“ Jetzt ist sie es, die grinst. „Ihr habt ihn, nicht wahr?“
Plötzlich huscht wirkliche Panik über das Gesicht des Fremden. Sie unterschätzen Cress immer. Aber wenn das Biest in ihr hervorkommt, fügen sie sich ihr letztendlich doch.
„Dieser Pfad wird dein Tod sein, Hexe“, spuckt der Mann hervor.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er recht hat. Tod, auf die ein oder andere Weise. Irgendein Teil von ihr, das Mädchen von damals, stirbt, bei jeder Entscheidung, die sie trifft.
Der Mann ist jetzt kurz davor, etwas zu sagen, versteht, dass Cress ihn sonst töten wird. Aber ich kann nicht zulassen, dass Cress mehr weiß, dass sie diesen Pfad beschreitet. Also bin ich es nun, die sich in das Gras über seinen Kopf kniet, seine Arme festpinnt, ihm kopfüber ins Gesicht schaut, wie eine Spinne, die sich von der Decke abseilt. Etwas blitzt in seinen Augen auf. Erkennen vielleicht. Er windet sich unter Cress’ und meinem Griff. Ich klammere mich an Wortfetzen fest, suche nach etwas, was ich sagen kann, das Cress unaufmerksam werden lässt, damit ich mich dem Mann alleine stellen kann. Ich bin nicht gut darin. War ich noch nie. Also überlege ich, was Cress sagen würde.
„Beantworte ihre Fragen, oder wir schlitzen dich auf und nehmen dich aus, wie ihr diese Insel ausgenommen habt.“ Mein Griff wird fester, ich lasse all meine Wut hineinfließen. „Wie macht ihr das noch gleich mit den Robben? Betäubt ihr sie erst, bevor ihr…“, ich sträube mich selbst gegen die Worte, die ich ihm entgegenwerfe. Aber ich brauche nicht zu Ende zu sprechen, Cress reagiert, wie ich es vorhergesagt habe, schaut mich erschrocken an, ein Moment der Schwäche, welchen der Fremde ausnutzt, um sie von sich zu stoßen. Ich lasse seinen Griff frei, stürze mich aber auf ihn, reiße ihn zu Boden und wir rollen gemeinsam den Hang hinunter, bis wir im feuchten Sand des Strandes landen.
Irgendwo über uns ruft Cress meinen Namen. Als wir uns wieder fangen, den Sturz abschütteln, greift der Mann unter seine Hose und holt eine Pistole hervor. Ich ziehe ihn so nah an mich, dass sein Arm eingeklemmt ist, er keinen Schuss abfeuern kann, starre ihm in die Augen, auch wenn er sich wehrt. Plötzlich werden seine Glieder ganz weich unter meiner Berührung.
Als Cress den Hang zu mir nach unten geschlittert kommt, liegt der Körper des Mannes bereits tot im Sand.
*
Halbmond
Wir tragen die Leiche des Fremden zur Klippe hinter dem Leuchtturm, wo wir sie in die Wellen werfen, welche sich an spitzen Felsformationen brechen. Die See wird ihren Teil tun. Selbst wenn nicht, niemand stört sich hier noch an einer Leiche am Strand.
Atemlos hocken wir auf dem Boden, den Blick aufs Meer gerichtet, auf dem sachte rosa Mondlicht tanzt, warten, bis die kühle Nachtluft das Adrenalin in unseren Adern abgekühlt hat.
„Du sagtest, du hast eine Spur?“
Behutsam holt sie aus der Innentasche ihres Mantels eine Karte hervor. Eine Böe fährt leicht in das Papier, als sie es sachte auffaltet und so hält, dass vom Mondlicht beschienen die Umrisse Aldeburghs sichtbar werden. Nicht nur die des Dorfes, sondern die der gesamten Insel. Das Papier ist vergilbt, an den Ecken angefressen, die Karte selbst bestimmt über hundert Jahre alt. Jemand hat mit einem Stift einen Kompass über die Insel gezeichnet. Die Nadel zeigt auf einen Ort im Norden, auf dem eine alte Burg eingezeichnet ist.
Wir haben die Insel so oft durchkämmt. Die Burg selbst ist halb verfallen, ein Ort, in dessen Ritzen Mauerschwalben nisten und Moos den Stein nach oben klettert. Aber das ist Jahre her. Cress weiß, dass sich in dieser Zeit einiges ändern kann.
Sie lächelt zaghaft.
„Ich habe sie vor einigen Wochen im Zimmer meiner Mutter gefunden. Sie hatte sie gut versteckt, vielleicht, damit mein Vater sie nicht findet.“
Ihr Vater, der sich mit seinem Vermögen aufs Festland absetzte und seine Tochter auf einer sterbenden Insel zurückließ.
Sie streicht sich eine Strähne fort, die der Wind ihr ins Gesicht geweht hat. Das Mondlicht bringt den Edelstein ihres Ringes zum Schimmern.
„Warum kommst du damit zu mir, Cress?“
„Ich weiß nicht mehr, wem ich vertrauen kann“, gesteht sie. „Aber dir…“, sie bringt den Satz nicht zu Ende.
Wir schweigen für eine gute Weile. Es ist leicht, mit ihr zu sprechen, so wie damals, und auf eine Art auch nicht. Uns springen die Worte von den Lippen, sobald es um das geht, was seit Jahren zwischen uns steht.
„Ich wusste gar nicht, was da in dir steckt.“ Sie stupst mich leicht mit der Schulter an. „So kenne ich dich gar nicht.“
„Du kennst mich ja auch nicht mehr“, wisper’ ich.
Sie saugt scharf Luft in ihre Lungen, hält dann den Atem an, ihr Blick entgleitet mir und wieder breitet sich diese Stille zwischen uns aus, die alles einnimmt. So starren wir einen Moment in die Ferne. Ihre Fingerspitzen sind nun nur Zentimeter entfernt von den meinen, ich kann beinahe ihre Wärme fühlen, will mich in sie krallen, sie nie wieder loslassen. Stattdessen atme ich tief aus, ziehe meine Beine an den Körper, umschlinge meine Oberschenkel mit den Armen, verbanne sie aus meinen Gedanken. Heute bin ich es, die sie abstößt. Und sie spürt es.
„Gute Nacht, Akane.“ Sie springt auf die Beine, läuft den kleinen Pfad in Richtung Dorf hinab. Doch kurz bevor sie verschwunden ist, dreht sie sich noch ein letztes Mal zu mir um. Der Wind fährt ihr in die Haare, weht ihr Strähnen ins Gesicht, die Augen funkeln entschlossen. Heute Nacht ist sie wild, nicht die gezähmte Cress, welche Deals abwickelt und Geschäftsbeziehungen aufbaut.
„Ich breche morgen nach Norden auf. Um neun, Saint Mary's. Nur für den Fall, dass du mich begleiten willst.“
Mit diesen Worten ist sie fort.
*
Dreiviertelmond
In der Nacht sucht mich die Flut heim. Rote Wellen brechen über mir zusammen, schlagen die Luft aus meinen Lungen, zersetzen all das, was ich einst mein Leben nannte, bis da nichts mehr ist, außer dem Tod, der diese Insel umgibt, und der Schuld, die Tag für Tag in mir wächst.
Das erste Sonnenlicht hat sich bereits lange einen Weg über die Wellen gesucht, als ich mich auf den Weg mache. An Tagen, an denen es so hell ist, scheint das Meer beinahe blutrot und endlos.
Ich hatte schon fast geglaubt, sie würde ohne mich aufbrechen. Aber da steht sie noch, mir den Rücken zugewandt. Den Rock hat sie gegen eine Tweedhose eingetauscht, einen gestrickten Schal um den Hals gewickelt, um die Kälte auszusperren. Sie wippt auf den Zehenballen, Ungeduld hat sich in ihren Gliedern eingenistet.
„Du hast auf mich gewartet“, sind die ersten Worte, die ich an sie richte, als ich mich auf den Kirchvorplatz zu ihr schleiche. Sie erschrickt ein wenig unter meinen Worten. Übergeht das Lächeln, das ich ihr als Friedensangebot schenke.
„Ich war selbst zu spät“, lügt sie und setzt sich in Bewegung. Wir haben eine lange Wanderung vor uns.
Weiter innlands entfaltet sich das Land wie eine Fata Morgana am fernen Horizont. Hier sieht alles noch fast so aus wie früher. Das Grundwasser ist noch vom Meerwasser unberührt, wodurch die Flora und Fauna Aldeburghs über die Jahre hinweg weniger Schaden nahm. Zumindest scheinbar. Es ist so ruhig hier draußen. Früher konnte man die Insel singen hören, wenn man nur gewillt war, richtig zuzuhören. Leise Melodien, die sich mit dem Wind verflechteten. Wie oft habe ich in den Wiesen gelegen, und mich von Aldeburghs Liedern einlullen lassen, die Arme unter dem Kopf verschränkt, weiße Zuckerwolken zählend. Wie oft bin ich Melodien gefolgt, um mich auf die Spur von Tieren zu begeben, habe Hirsche auf vernebelten Lichtungen beobachtet und Vögel, die in den Baumwipfeln tanzten. An manchen Tagen hat mich die Insel zu einem ihrer Schätze geführt: ein aufgeschlagener Stein, der aus einem Feld gebrochen wurde und in dessen Innerem Sonnenlicht grün-blau aufleuchtete, oder eine frisch aufgeblühte Knospe, in der es rosa funkelte. Vielleicht war es mein erster Fehler gewesen, dass ich sie immer Cress brachte. Vielleicht habe ich ihren Hunger erst geweckt.
Wir passieren einen der Bäche, welche den Hügeln im Herzen Aldeburghs entspringen und vom Regenwasser genährt werden. Das Wasser schimmert klar im matten Tageslicht, gesäumt von mit Moos bewachsenen Steinen. Erinnerst du dich noch?, will ich Cress fragen. Wir haben es geliebt, zu baden. Nicht nur im Meer, in den Bächen und Seen Aldeburghs. Aber die Worte sterben auf meinen Lippen. Niemand will mehr in Seen schwimmen. Niemand will mehr aus frischem Quellwasser trinken. Wir brauchen nur noch unsere Zisternen, und unser Filtersystem. Das Wasser ist zu unserem Feind geworden. Es sucht uns in unseren Träumen heim. Ertränkt uns. Ich bin mir sicher, dass ein Tag kommen wird, an dem die Bäche Aldeburghs bluten werden und der Himmel rote Tränen weint.
Es gibt eine breitere Straße, welche einen großen Teil der Insel befahrbar gemacht hat, als es noch Treibstoff und funktionstüchtige Automobile gab. Wir haben uns dazu entschlossen, den schnelleren Weg durch das unebene Terrain Aldeburghs zu nehmen. Fast ein ganzer Tagesmarsch, der uns über weite Wiesen, und durch kleine Haine, Täler und Anhöhen führt. Tieren begegnet man kaum noch hier draußen. Es war jedoch nicht die rote See, welche sie uns nahm. Nicht der Fluch, welcher auf dieser Insel liegt. Sondern wir. Nicht nur ich und Cress, wir alle.
Am späten Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Die Ruine liegt an einer der Steilküsten im Norden Aldeburghs, wo die Wellen besonders wütend gegen die Klippen schlagen. Schon von weitem ragt sie in den hellblauen Himmel auf. Dunkler Stein, von Efeu umrankt. Von einer Seite umrahmt von Schwarzdorn und Dünenrosen, von der anderen führt ein Pfad direkt ins Innere der Burg. Da sind frische Reifenspuren. Diese Ruine ist ganz sicher nicht mehr verlassen.
Bevor wir uns dem Gebäude nähern können, halte ich Cress an, innezuhalten. Da ist ein Geräusch in der Ferne, versteckt hinter dem Rauschen des Windes und der Brandung. Stimmen. Sie grinst ein wenig, als wir hinter die Burgmauer gleiten, um nicht gesehen zu werden. Fast so, als wolle sie mir sagen: Siehst du, ich hatte recht!
Ja, sie hatte recht. Natürlich hatte sie das.
Wir lauschen für eine gefühlte Ewigkeit. Als die Stimmen sich weiter entfernen, lehne ich mich zu ihr und raune: „Lass uns verschwinden, solange wir noch die Chance haben.“
Grimmig greift sie unter ihre Bluse und holt von ihrem Rücken eine Pistole hervor, entsichert sie.
„Nicht, wenn wir so nah dran sind.“
„Cress“, wisper’ ich, fasse sie am Arm.
Wir ringen für einen Moment lang stumm darum, wer Recht behalten soll. Ihr Blick frisst sich in meinen. Da ist wieder der Hunger, der mir so bekannt ist. Wenn sie so hungrig ist, kann sie nichts mehr halten.
Sie entwindet sich mir, schlägt sich ihren Weg durch die Büsche und steigt schließlich durch ein Loch in der Burgmauer ins Innere.
*
Vollmond
Wir schleichen uns über eine halb zerfallene Treppe an der Burgmauer nach oben, bis wir die erste Etage erreichen. Von hier spähen wir in den Innenhof, in welchem eine eiserne Rose darauf wartet, mit den Innereien der Insel gefüllt in den Himmel aufzubrechen. Wer auch immer den Helikopter durch die Mauer- und Turmreste der Ruine manövriert hat, verstand sich auf sein Werk.
Die Stimmen sind hier lauter, dringen aus einem der Räume des Hauptgebäudes zu unserer Linken und doch so weit entfernt, dass ich nicht entschlüsseln kann, was sie sagen oder wie viele sich dort unten befinden. Das muss die Gruppierung sein, von der Cress geredet hat. Wahrscheinlich jene, welche den Auftrag gegeben haben, sie zu meucheln.
„So transportieren sie die Schätze ans Festland“, raune ich Cress zu. „Wir können hier nichts tun, lass uns verschwinden und zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich gehe nicht, bevor wir mehr über den Kompass wissen.“
„Die haben jemanden auf dich angesetzt, Cress. Was glaubst du, was sie mit uns anstellen, wenn sie uns erwischen?“
„Sollen sie es doch versuchen.“
Die Treppenstufen nach oben sind von der Zeit zerfallen, also wählt sie die Treppe, welche nach unten führt. Im Schatten eines Kreuzganges schleichen wir uns von Säule zu Säule, um nicht gesehen zu werden. Von hier habe ich bessere Sicht auf den Innenhof und den Helikopter, kann erkennen, wie gepflegt er ist. Ich bin nur Rost und aufgeplatzten Lack gewohnt, aber die eiserne Rose schimmert im matten Nachmittagslicht. Das ist ein Modell, das ich nicht kenne. Eines der neuen vielleicht. In den letzten zehn Jahren muss sich viel dort draußen verändert haben.
Auf der anderen Seite des Kreuzganges führt eine weitere Treppe ins Untergeschoss. Cress geht vor, die Waffe gezückt, Treppenstufe um Treppenstufe. Hier wird das Rauschen der See lauter. Dieser Teil der Burg wurde direkt in die Klippe gehauen. Vor uns befindet sich eine unterirdische Anlegestelle, dahinter führt eine große Öffnung zum Meer hinaus und lässt Licht ins Innere der Höhle sickern. Steinerne Treppenstufen führen weiter hinab in die Wellen. Der Rest des Raumes wird von Fackeln erhellt, deren Spiegelungen im rostroten Wasser tanzen.
Bevor wir uns weiter umsehen können, hören wir Schritte auf kaltem Stein. Panik flutet meine Adern. Zu beiden Seiten des Hafenbeckens führen Türen in andere Bereiche der Burg und Cress zieht mich in die Schatten eines der Räume, wo wir den Blicken derjenigen entgehen, welche genau in diesem Moment den Anlegeplatz betreten. Es dauert einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Der Raum selbst ist größer, als ich erwartet hätte: kein einfacher Lagerraum, sondern ein Vorraum, mit eisernen Fackelhaltern an den Wänden, die ein großes Portal einrahmen, das in die Finsternis führt.
Ich wage kaum, mich zu bewegen, aber Cress schleicht vorwärts. An einigen Stellen sind bereits Steine aus der Wand gebrochen. Bevor ich sie davon abhalten kann, späht sie durch eines der Löcher, um das Geschehen am Anleger zu beobachten. Die Schritte haben nun aufgehört. Wer auch immer den kleinen Hafen betreten hat, schweigt, wartet vielleicht. Ich halte den Atem an. Halte mich an die Wand in Cress Nähe gepresst. Dann ist da das Plätschern von Wasser und Cress schlägt die Hand vor den Mund, ihre Augen werden groß, ihr Blick findet meinen, hält sich an mir fest. So lautlos wie möglich schiebe ich mich vor das Loch, obwohl ich mir schon sicher bin, dass Cress etwas gesehen hat, was sie eigentlich nicht hätte sehen dürfen.
Links und rechts des alten Anlegers herum haben sich Männer in einer Reihe aufgestellt. Das müssen die Arbeiter sein, welche die Insel ausnehmen. Sie tragen grobe Arbeiterkleidung, die dunklen Stoffhosen an den Knien ausgebeult, Lederstiefel, grob gestrickte Wollpullover gegen die Kälte. Das sind nur Handlanger, nur Männer, denen es nach Macht dürstet – wie die Magpies selbst. Aber die Arbeiter sind es nicht, die Cress' Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Ich muss mich ein wenig weiter nach vorn beugen, um ihn zu sehen. Ein bis auf die Haut entkleideter Mann steigt langsam die Treppenstufen ins Meer hinab. Stumm lässt er zu, wie das Wasser sich in seinen Körper frisst. Schenkel, Hüfte, Brust, Schultern, er hält nicht an, bis sein Kopf unter Wasser ist und nichts mehr zurückbleibt, außer dem Knistern der Fackeln und dem sachten Wellengang. Cress neben mir scheint den Atem anzuhalten. Ich strecke eine Hand nach ihr aus und sie ergreift sie. Ihre Wärme lässt meine Sinne schummrig werden, lenkt mich vom Wesentlichen ab. Aber Cress scheint es zu beruhigen.
Dann taucht der Mann keuchend auf, atmet tief ein, als würde er seine ersten Atemzüge tun. Das Wasser perlt von seinem geröteten Körper ab, als er sich erhebt. Beinahe so geschmeidig, wie er in die Wellen geglitten ist, schreitet er wieder aus ihnen hinaus, während Hunger in seinen Augen aufglimmt und karminrote Schatten seinen Körper umspielen. (Sollte er irgendwie Macht demonstrieren?) Erst jetzt ist erkennbar, dass auch ihm ein Kompass auf die Brust tätowiert wurde. Er lächelt, sieht ein wenig aus wie Cress, wenn sie ihre Schätze zählt.
Die Arbeiter treten nach vorn, legen ihm gratulierend die Hände auf die Schultern. Das ist ein Mann, der in den Reihen aufgestiegen ist. Der sich bewiesen hat. Neugeboren, auf eine Art. Wahrscheinlich darf er nach dem hier die Insel verlassen, ein neues Leben anfangen. Und eine neue Macht strömt durch seinen Körper, eine Macht, ein neuer Hunger, der ihn leitet. Sein Blick springt in die Schatten, in die Dunkelheit, zu uns, er weiß, dass wir hier sind.
So lautlos wie möglich ziehe ich Cress mit mir. Der Weg nach oben ist versperrt, aber es gibt noch einen anderen, einen gefährlicheren. Durch das Portal, tiefer ins Herz des Felsens hinein.
Fortsetzung folgt. Teil 2 erscheint Ende September.